„Architekturen sind keine Schrankware“ – 2. Fachveranstaltung zur architekturbasierten Führungsfähigkeit




Unter dem Leitthema „Führungsfähigkeit architekturbasiert II: Von der Architektur zur verteidigungsfähigen Bundeswehr“ knüpfte die zweitägige AFCEA-Fachveranstaltung mit dem Bundesministerium der Verteidigung, dem Planungsamt der Bundeswehr und bwconsulting an die Auftaktveranstaltung des Vorjahres an und vertiefte die Frage, wie operationelle Architekturen die Fähigkeitsentwicklung, Streitkräfteplanung und Portfoliosteuerung der Bundeswehr unterstützen können. Leitmotiv war der praktische Mehrwert von Architekturen – jenseits theoretischer Modelle und als wirkmächtiges Werkzeug für eine verteidigungsfähige Bundeswehr. Architekturen schaffen Transparenz, beherrschen Komplexität, ermöglichen Steuerung und verbinden Bedarf, Technologie und Betrieb zu kriegstüchtigen Fähigkeiten. Die Veranstaltung machte deutlich: Verteidigungsfähigkeit erfordert Geschwindigkeit, Mut zur Standardisierung, offene Architekturen und intensive Kooperation – militärisch, industriell, gesamtstaatlich und multinational.
Sicherheitspolitischer Rahmen und strategische Ausrichtung
Die volatile sicherheitspolitische Lage erfordert eine Neuausrichtung der Streitkräfte mit klarem Schwerpunkt auf Landes- und Bündnisverteidigung im Rahmen der gesamtstaatlichen Verteidigung. Die Gesamtkonzeption militärischer Verteidigung, das Fähigkeitsprofil und die Militärstrategie bilden die Grundlage für die Verteidigungsaufstellung 2029 und die Weiterentwicklung bis 2035. Der Leitsatz „Organisiere dich, wie du kämpfst“ erfordert konsequenten Bürokratieabbau und Fokussierung auf die Kernaufgaben. Der Faktor Zeit wurde dabei als entscheidende Größe identifiziert – während finanzielle Mittel verfügbar sind, ist der Zeitrahmen bis 2029 bereits sehr knapp bemessen.
Multi-Domain Operations als Zielbild
MDO wurde als zentrales Zielbild der Streitkräfteentwicklung herausgearbeitet. Vier Grundwerte prägen den Ansatz: schneller werden, effektbasierter denken, vernetzter handeln sowie militärische und zivile Aktivitäten verbinden. MDO ist dabei kein reines Technologieprojekt, sondern ein Führungsprinzip, das Sensoren, Informationen, Entscheidungen und Effekte über alle Dimensionen hinweg synchronisiert. Entscheidend ist Informationsüberlegenheit als Voraussetzung für Führungs- und Wirkungsüberlegenheit. Der Joint Coordination Cycle dient als operatives Metronom, um Informationen zusammenzuführen, zu bewerten, zu priorisieren und in abgestimmte Wirkketten umzusetzen. Zentrale technologische Bausteine sind ein Federated Cloud Environment, künstliche Intelligenz zur Mustererkennung und Entscheidungsunterstützung sowie Datenintegrationsplattformen. Software Defined Defense (SDD) wurde als strategisches Leitprinzip etabliert – mit offenen Architekturen, standardisierten Schnittstellen, modularen Systemen und kontinuierlichen Updates statt langer Modernisierungszyklen.
Zivil-militärische Zusammenarbeit und gesamtstaatlicher Ansatz
Die enge Verzahnung militärischer und ziviler Akteure wurde als unverzichtbar für moderne Operationsführung hervorgehoben. Zivile Infrastruktur – von Schienen- und Straßennetzen über Stromversorgung bis zu Telekommunikation – ist auch militärisch kritisch und muss gehärtet und resilient gestaltet werden. Gleichzeitig braucht es schnellere Reaktionsmöglichkeiten auf Ausfälle. Zielkonflikte etwa zwischen Datenschutz und Infrastrukturschutz müssen aufgelöst werden. Langfristige Kooperationen zwischen Bundeswehr und ziviler Industrie sind dabei wirksamer als kurzfristige Ausschreibungen. Gemeinsame Übungsformate an der zivil-militärischen Schnittstelle wurden als wichtiger Lernhebel identifiziert.
Architekturbasierte Fähigkeitsentwicklung
Enterprise Architecture Management wurde als methodisches Rückgrat positioniert, um Bedarf, Anforderungen, Beschaffung und Nutzung transparent zu verknüpfen. Drei Architekturebenen wurden vorgestellt: die strategische Ebene mit globalem Kontext, die Fähigkeitsebene mit Referenzarchitekturen und die Projektebene mit konkreten Realisierungsvorgaben. Architekturen fungieren als Übersetzer zwischen der Sprache der Operateure und der Realisierer und ermöglichen so eine durchgängige Nachverfolgung von der Bedarfsforderung bis zur technischen Lösung. Standardisierte Beschreibung operativer Bedarfe mittels C3-Taxonomien für Geschäftsprozesse, Informationsprodukte, Rollen und technische Services schafft einen Baukasten wiederverwendbarer Services. Referenzarchitekturen geben dabei Flughöhe und Kurs vor, ohne die notwendige Beinfreiheit für detaillierte Projektarchitekturen einzuschränken. Pragmatismus schlägt Komplexität – es geht darum, schnell zu Ergebnissen zu kommen und iterativ zu verbessern.
Software Defined Defense und Modular Open Systems
Software Defined Defense ermöglicht schnelle taktische Adaption durch entkoppelte Lebenszyklen von Hard- und Software. Datenzentrierung – Daten als strategische Ressource verstanden – ersetzt plattformzentriertes Denken. Der modulare offene Systemansatz (MOSA) als konsequente Weiterentwicklung erlaubt austauschbare Bausteine, fördert Wettbewerb und Resilienz, erleichtert technologische Neuerungen und vermeidet Vendor-Lock-in. Die Trennung von Mobilität und Fähigkeit auf standardisierten Trägern wurde als praktisches Beispiel genannt.
Interoperabilität und Standards
FMN (Federated Mission Networking) wurde als Schlüssel zur Multinationalität betont. Interoperabilität reicht von technischer über semantische bis zur organisatorischen Ebene. Ein domänenübergreifendes Informationsmodell mit klar definierten Konzepten und Prozessen bildet eine wichtige Grundlage für MDO-Referenzarchitekturen. Herausforderungen liegen in der Vielzahl teils widersprüchlicher Standards, deren Testung und der Notwendigkeit von Referenzimplementierungen.
Nexus Bundeswehr und Industrie
Die Verbindung zwischen Bundeswehr und Industrie wurde als kritischer Erfolgsfaktor identifiziert. Rahmenbedingungen wie Beschaffungsbeschleunigung, Lieferkettenstabilisierung, Rohstoffsicherheit, Zugang zu Finanzierung und vereinfachte Zertifizierungsverfahren wurden adressiert. Die frühzeitige Einbindung der Industrie in Bedarfsdefinitionen, Wettbewerb am Beginn von Prozessen ohne Bieterausschluss durch frühe Mitwirkung sowie Vertraulichkeit beim Datenaustausch wurden gefordert. Der strategische Industriedialog mit seinen Expertenkreisen zu SDD, KI und MOSA bietet etablierte Austauschformate. Truppe und Schulen sollen wieder stärker in Beschaffungsprozesse eingebunden werden.
Portfoliosteuerung und Ausblick
Die Portfoliosteuerung verknüpft architekturbasierte Methoden mit konkreten Planungs- und Steuerungsentscheidungen. Ziel ist es, kurzfristige Maßnahmen zur Erhöhung der Einsatzbereitschaft mit mittel- und langfristiger Streitkräfteentwicklung zu verbinden. Die Weiterentwicklung der operationellen Architektur Führungsfähigkeit hin zu einem militärischen Anteil einer Gesamtverteidigungsarchitektur wurde angekündigt – mit Einbindung anderer Ressorts, KRITIS-Unternehmen und Behörden.
