Bonner IT-Dialog 2026: Die Resilienz Deutschlands auf dem Prüfstand

Wie resilient ist Deutschland im Ernstfall? Beim zweiten Bonner IT-Dialog brachte AFCEA Bonn e.V. zivile und militärische Perspektiven zusammen. Im Mittelpunkt standen die gemeinsame Handlungsfähigkeit, digitale Resilienz und die Frage, welche Rolle die Gesellschaft in der Gesamtverteidigung spielt.

Die Grenzen der Silos des gesamtstaatlichen Sicherheitsökosystems aufzubrechen, war Ziel des zweiten Bonner IT-Dialogs von AFCEA Bonn e.V.. 

An zwei Tagen brachte die Tagung mit Ausstellung alle Perspektiven der zivilen und militärischen Verteidigung zusammen und diskutierte unter dem Titel „Die Resilienz Deutschlands auf dem Prüfstand“ die Handlungsfähigkeit und gesamtgesellschaftliche Verantwortung.

„Verteidigung müssen wir zusammendenken. Wir sind auf dem richtigen Weg, doch die größte Herausforderung ist Zeit“, sagte Generalmajor Armin Fleischmann, Vorsitzender AFCEA Bonn e.V.

Er eröffnete die Tagung am 7. Oktober mit dem Schutz der Bevölkerung als Maßstab. Er verwies auf die neue AFCEA-Studie „Gesamtstaatliches Sicherheitsökosystem 2030“, auf praktische Lösungsvorschläge und auf die Notwendigkeit, vor der nächsten Katastrophe handlungsfähig zu werden. „Sicherheit entsteht nicht in Silos“, lautete seine Botschaft. Es gehe um Menschenleben.

Oberst Michael Trautermann, Kommandeur des Landeskommandos Rheinland-Pfalz, adressierte in seiner Keynote über gesamtgesellschaftliche Resilienz aus militärischer Perspektive die kollektive Verantwortung. Wer die Bundeswehr zur ausschließlichen Besitzerin dieses Problems erklärt, übersieht ihre Abhängigkeit von einem Land, dessen zivile Einrichtungen auch unter Druck weiterarbeiten müssen. Militärische Fähigkeiten benötigen eine Gesellschaft, die ihre Voraussetzungen sichert.

Trautermann erläuterte das an Deutschlands Funktion als Drehscheibe für die Bündnisverteidigung. Für eine Verlegung an die NATO-Ostflanke nannte er eine Planungsgröße von rund 800.000 Soldaten und 200.000 Fahrzeugen, die durch Deutschland bewegt werden müssten. Abschreckung hängt damit auch von der Glaubwürdigkeit ziviler Leistungsversprechen ab.

Neben Vorträgen vertieften Panels die Themen der Resilienz. So diskutierte Major Dominik Hauschild mit Trautermann, Dr. Christian Marwitz, Geschäftsführer der BWI, und Oberst i. G. Stephan Sauer, Unterabteilungsleiter Digitalisierung Bundeswehr im Kommando Cyber- und Informationsraum, die digitalen Voraussetzungen von Resilienz.

Unterschiedliche Datenformate und Schnittstellen erschweren die Zusammenarbeit; hinzu kommen die Voraussetzungen für geschützte Kommunikation zwischen militärischen Stellen und ihren zivilen Partnern. Hinter diesen technischen Begriffen steht eine Führungsfrage. Moderne IT-Systeme träfen auf Schutzvorstellungen, die aus dem Umgang mit Papier stammten. Eine Information kann gegen fremden Zugriff hervorragend geschützt sein und ihren Zweck dennoch verfehlen, weil sie den berechtigten Empfänger zu spät erreicht.

Sauer erläuterte, wie sich solche Anforderungen in gemeinsame Regeln übersetzen lassen. Standards müssten vor einer Krise feststehen und ihre Tauglichkeit unter Belastung beweisen.

Bernhard Steimel, Studienleiter der AFCEA-Studie „Gesamtgesellschaftliches Sicherheitsökosystem 2030“, rückte die Bevölkerung als handelnden Teil der Sicherheitspolitik in den Mittelpunkt. Er erinnerte an die Freiwilligen Feuerwehren und das Technische Hilfswerk und stellte die Frage: Wie lässt sich die Mitwirkung der Bevölkerung von Anfang an organisieren?

Eine Gesellschaft kann ihre Bürger als Menschen betrachten, die gewarnt, versorgt und durch eine Krise geführt werden müssen. Sie kann ihnen zugleich zutrauen, selbst zu erkennen, zu entscheiden und zu helfen. Aus der Bevölkerung, über die geplant wird, werden Beteiligte, mit denen man plant.

Dr. Lino Schneider-Bertenburg, Clustermanager bei Defence.NRW, Kathrin Stolzenburg, Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, René Schubert, Präsident, Koblenzer Landesamt für Brand- und Katastrophenschutz, und Volker Wagner, CISO BASF Digital Solutions und Verband der Chemie Industrie, trugen moderiert von Anna-Lena Homann, Vorstand Emerging Leaders AFCEA Bonn e. V., aktuelle Herausforderungen und Entwicklungen der gesamtgesellschaftlichen Verteidigung aus ziviler Perspektive zusammen.

In ihrem Vortrag betrachtet Stolzenburg Gesamtverteidigung nicht nur mit den militärischen und den zivilen Aspekten. Unter den tragenden Teilen liegt jedoch ein Sockel, den sie ausdrücklich hervorhebt: die Gesellschaft. Verteidigung richtet sich auf die Menschen und auf ihre Art zu leben. Dabei zeigt sich: Die Beteiligung der Gesellschaft als Akteur ist weiterhin nicht ausreichend berücksichtigt.

Der nächste Bonner IT-Dialog findet am 20. Oktober 2027 im Alten Plenarsaal im World Conference Center Bonn statt.