Studienergebnisse – Gesamtstaatliches Sicherheitsökosystem 2030

Vom Nebeneinander der Akteure zur gemeinsamen Wirkung

Deutschland liegt beim Aufbau seines gesamtstaatlichen Sicherheitsökosystems in zentralen Bereichen mehr als zehn Jahre zurück. Die Studie von AFCEA Bonn diagnostiziert eine Verkettungslücke: Vorhandene Informationen, Befugnisse und Einsatzmittel greifen über Organisationsgrenzen hinweg zu selten ineinander. Zeit geht zwischen der ersten Warnung, der Lagebeurteilung, einer Entscheidung und ihrer Umsetzung verloren.

 

„Mehr als zehn Jahre Rückstand verpflichten zum Handeln. Bund, Länder, Bundeswehr, Zivilschutz und Betreiber müssen die gesamte Handlungskette schließen: vom Erkennen einer Gefahr bis zum Einsatz und zum Wiederanlauf.“
Armin Fleischmann, Vorsitzender AFCEA Bonn e.

 

Grundlage der Studie

Die 118-seitige Untersuchung beruht auf 55 Tiefeninterviews mit 61 Gesprächspartnern, davon 50 quantitativ ausgewerteten Interviews, sowie 72 Antworten einer Online-Befragung. Hinzu kommen dokumentierte Krisenverläufe und ein Vergleich von sechs Ländern.

Die Untersuchung sammelt 529 Vorschläge und verdichtet diese auf 6 Handlungsfeldern mit 30 Maßnahmen :

6 Handlungsfeldern mit 30 Maßnahmen

QUICK WIN Die zwei bekannten Übergänge deblockieren
Zwei benannte Schnittstellen zwischen militärischer und ziviler Seite existieren und funktionieren nicht. Die Schwarz-Rot-Gateways führen zwischen eingestuften und offenen Netzen, standardisiert ist bisher nur eine Richtung. Armin Fleischmann warnt davor, die zivile Seite zu überschätzen: „Glauben Sie nicht, dass die offene Seite so weit ist wie wir.“ Die Funkbrücke zur Bundesanstalt für den Digitalfunk der BOS hängt an industriepolitischen Fragen.
Träger und Nachweis: Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) und die BWI standardisieren die Spezi­fikation, die zivilen Ressorts rüsten die offene Seite nach. Nach zwölf Monaten läuft eine Referenzimplementierung zwischen Bundeswehr und einem zivilen Ressort.

QUICK WIN Vorhandene Bestände anbinden statt neu bauen
Sensorik und Ressourcen, die längst existieren, lassen sich zweck­gebunden einbinden, ohne dass etwas beschafft wird. Norbert Ahrend nennt zwei Beispiele: Die Berliner Verkehrsbetriebe betreiben ein Kamerasystem, das im Krisenfall Lagebilder liefern könnte, und in Rheinland-Pfalz registrieren Landwirte über die Red Farmer Initiative freiwillig ihre Maschinen für die Feuerwehr.
Träger und Nachweis: Die Betreiber selbst, abgesichert über Zweck­bindungsvereinbarungen mit der Katastrophenschutzbehörde. Nach zwölf Monaten bestehen zwei solcher Vereinbarungen in unterschied­lichen Sektoren.

QUICK WIN Vorhandene Netze redundant verdichten
Statt neue Netze zu bauen, werden die vorhandenen so verdichtet, dass jeder Dienst einen zweiten Weg hat. Die BDBOS verdichtet den Digitalfunk, die Europäische Union stellt mit IRIS² eine satelliten­gestützte Verbindung bereit, die von der terrestrischen unabhängig ist. Hans-Martin Zimmermann verweist darauf, dass beide in Betrieb sind und sich weiter verdichten lassen.
Träger und Nachweis: Bund und Länder legen fest, welcher Dienst über welchen Weg läuft. Nach 24 Monaten liegt eine Rückfallmatrix je Dienst vor und ein satellitengestützter Pfad ist produktiv erprobt.

BOLD MOVE Einen föderierten Datenraum mit Rückkanal bauen.
Unternehmen und Behörden speisen ein und bekommen mehr zurück, als sie liefern. Der Rückkanal ist die Bedingung: Ohne ihn bricht die Beteiligung nach der ersten Krise ab. Der Datenbestand dient zugleich dem Training KI-gestützter Systeme. Genau diese Datengrundlage fehlt heute.
Träger und Nachweis: Das Bundesministerium des Innern beauftragt eine trägerneutrale Stelle als Betreiber, KRITIS-Betreiber und Länder speisen ein, der Rückkanal wird vertraglich zugesichert. Nach 24 Monaten läuft ein Mindestprodukt mit drei Sektoren.

BOLD MOVE Das zivil-militärische Lagebild aufbauen.
Zivile und militärische Lagebilder müssen verbunden werden, nicht in einem zentralen Bild zusammengeführt. Der Grund liegt in der Lage selbst: Verdichtet wird nur so weit, bis eine Entscheidung fällt, und nach oben gemeldet wird die Entscheidung, nicht der Rohbestand. Das Lagebild ist damit Privileg des Ausführenden, nicht des Ent­scheiders. Was fehlt, ist kein weiteres Lagebild, sondern ein Verzeich­nis, aus dem sich der Ausführende holt, was er braucht.
Ein Vorhaben existiert bereits: das Ressortübergreifende Lagebild (RessüLa) der Bundeswehr. Es deckt heute die Logistik ab und könnte als Basis dienen. Entscheidend ist die Reihenfolge: erst Prozesse, Zuständigkeiten und Berechtigungen klären, dann die Technik bauen. Dazu gehört auch die personelle Verfügbarkeit im Ernstfall.
Träger und Nachweis: Verteidigungsministerium und Planungsamt geben Mandat und Budget, Ressorts und Länder benennen Einspeise­pflichten. Nach 24 Monaten sind drei Ressorts und drei Länder angebunden.

QUICK WIN Den Zuständigkeitsübergang definieren
Wann eine Lage vom Landrat ins Innenministerium wechselt, steht nirgends. Norbert Ahrend von Arvato Systems nennt die Regel, die in der Praxis kursiert: Ab drei betroffenen Landkreisen übernimmt das Land. Geschrieben steht sie nicht, und die Klärung kostet im Ernstfall mindestens einen Tag. Ein ähnlicher Bruch besteht eine Ebene höher zwischen den Nachrichtendiensten und dem BSI.
Träger und Nachweis: Die Innenministerien von Bund und Ländern legen Schwellen und Auslöser schriftlich fest. Nach zwölf Monaten liegt für jedes Land eine Übergangsregel vor.

QUICK WIN Räume schaffen, in denen sich Akteure begegnen dürfen
Bundeswehr, Nachrichtendienste und Polizei arbeiten getrennt, und das Trennungsgebot bleibt. Für den regelmäßigen fachlichen Aus­tausch unterhalb der Rechtsfrage fehlt ein Format. Christian Hummert von der Cyberagentur kennt derzeit genau einen Ort, an dem diese Fachleute zusammenkommen.
Träger und Nachweis: Das Bundesministerium des Innern richtet ein turnusmäßiges Format ein, die Cyberagentur trägt es fachlich. Nach zwölf Monaten haben vier Treffen stattgefunden und eine ge­meinsame Auswertung liegt vor.

QUICK WIN Erst den Anwendungsfall bauen, dann die Governance klären
Die übliche Reihenfolge lähmt: Zuständigkeit, Rechtsrahmen und Betriebskonzept sollen stehen, bevor etwas entsteht. Dennis Ruf von CONET verweist auf die Praxis in Unternehmen, die bei der Einführung Künstlicher Intelligenz umgekehrt vorgehen und Compliance am laufenden Fall klären. Auf den Staat gemünzt heißt das: erst eine funktionierende Lösung bauen — die Daten sind vorhanden und müssen nicht vollständig sein —, dann klären, welche rechtlichen weißen Flecken nachzuziehen sind. Das wäre das Signal an den Gesetzgeber.
Träger und Nachweis: Das Bundesministerium des Innern benennt zwei Anwendungsfälle aus dem laufenden Aufbau und setzt sie ohne Vorabklärung um. Nach zwölf Monaten laufen beide, und die Regelungslücke ist benannt.

BOLD MOVE Führung mit Vollzeitkräften einrichten
Krisenstäbe werden aus dem laufenden Betrieb heraus besetzt und üben selten. Tobias Schönherr von der Bundespolizei nennt Hessen als Vorbild: acht Vollzeit-Krisenführer, die immer zu zweit arbeiten und das ganze Jahr über auf solche Lagen vorbereitet sind. Die Einsatz­führungsstäbe in Nordrhein-Westfalen sind eine zweite Referenz. Für den Bund fordert er keine neue Behörde, sondern ein klares Mandat für das, was bereits existiert.
Träger und Nachweis: Der Bund richtet einen solchen Stab ein, die Länder entsenden Verbindungspersonen, und die Mittelfreigabe wird an entscheidungsfähige Gremien delegiert statt kleinteilig vor­geschrieben. Nach 24 Monaten ist der Stab besetzt und hat zwei Übungen absolviert.

BOLD MOVE Zentral steuern, dezentral entscheiden
Wer alles über eine Stelle steuern will, geht in zigtausenden An­wendungsfällen unter. Die Alternative ist Modularität: Der Gesetzgeber verpflichtet einzelne Betreiber zu definierten Beiträgen, BSI und BBK definieren die Schnittstellen zwischen den Modulen. Dazu gehört, Bundesnetzagentur sowie Energie- und Luftfahrtaufsicht gesetzlich zur Bedrohungsvorsorge zu verpflichten. Heute steht das in keinem Aufgabenkatalog.
Zentrale Koordinierung bleibt notwendig, wo es um essentielle Güter und Leistungen geht. Gemeint ist der Bürokratie-Overhead, der Verantwortung von denen genommen hat, die sie tragen sollten.
Träger und Nachweis: Der Gesetzgeber schafft die Pflichten, BSI und BBK setzen die Schnittstellen. Nach 24 Monaten laufen drei Module produktiv, ohne zentrale Instanz.

QUICK WIN Vorhandene Rahmenverträge öffnen
Die Bundeswehr hat Rahmenverträge, andere Behörden schreiben vergleichbare Leistungen neu aus. Frank Scholz von MilDef, dessen Unternehmen von genau diesen Ausschreibungen lebt, sieht hier den größten Hebel: Öffnet man die Verträge für andere Behörden mit Sicherheitsauftrag und für befreundete Streitkräfte, entsteht ein fortschreibbarer Katalog anstelle einer starren Ausschreibung über drei Jahre. Kommunale und kleine Anbieter müssen dabei mitgedacht werden — sie fallen heute durch das Raster, weil sie im ursprünglichen Beschaffungskonzept nicht als Bedarfsträger vorgesehen waren.
Die Öffnung wirkt allerdings nur einmal. Der Engpass ist das Verfahren selbst. Wichtiger als die Öffnung ist deshalb die Vorfristigkeit: nicht Stückzahlen beschaffen, sondern Fertigungskapazität vertraglich sichern. MilDef investiert heute Millionen in Material und Infrastruktur auf Basis von Annahmen — ohne Stückzahlen, ohne Vertrag.
Träger und Nachweis: Das Beschaffungsamt der Bundeswehr öffnet die Verträge, Innen- und Finanzministerium regeln die Abrechnung. Nach zwölf Monaten sind mindestens drei Rahmenverträge behörden­übergreifend nutzbar und die Beschaffungsdauer im Pilotfall halbiert.

QUICK WIN Verbrauchsgüter behandeln wie Großgerät
Neues Gerät findet den Weg in den Haushalt, Munition und Ver­brauchsmaterial nicht — ein Kampfpanzer hat Munition für etwa einen Tag, wie Peter Kuhne von der IHK Bonn/Rhein-Sieg vorrechnet. Ein Beispiel aus der Praxis: Eine zweite Verpackungsform für rund 20.000 Euro wird seit Langem nicht finanziert, obwohl sie die Ausbringung verdoppeln würde.
Träger und Nachweis: Das Verteidigungsministerium priorisiert Verbrauchsgüter im Haushalt wie Großgerät, das Beschaffungsamt finanziert Werkzeuge und Formen beim Zulieferer. Nach zwölf Monaten ist die Bevorratung mit einem Reichweitenziel hinterlegt.

QUICK WIN Einen Meldekanal statt vierhundert einrichten
Hanno Friedrich von der Kühne Logistics University nennt den Fall: In der Pandemie musste ein Lebensmitteleinzelhändler mit 400 Kreisen einzeln sprechen. Eine Plattform, über die Unternehmen Störungen melden und die betroffenen Stellen aufbereitete Lagen zurück­bekommen, ersetzt diese Gespräche. Ergänzend binden die Ressort­oberbehörden die Betreiber kritischer Infrastruktur über Verbindungs­personen an.
Träger und Nachweis: Das Wirtschaftsministerium betreibt die Plattform, das BBK wertet aus. Nach zwölf Monaten sind drei Sektoren angeschlossen.

BOLD MOVE Die zivile Infrastruktur auf Transit auslegen
Armin Schaus vom Operativen Führungskommando der Bundeswehr nennt die Größenordnung: Bis zu 800.000 Kräfte sollen binnen eines halben Jahres durch Deutschland an die Ostflanke verlegt werden. Militärtransporte wiegen dabei statt 30 heute 60 bis 80 Tonnen, Häfen und Umschlagpunkte fehlen. Begründen lasse sich die Ertüchtigung nicht allein militärisch — die Exportnation brauche sie ohnehin.
Ungeklärt ist die Haftung. Wer zahlt, wenn eine Brücke unter Überlast bricht — Kommune, Land, das deutsche Militär oder der Bündnis­partner, gegen den womöglich kein Regress besteht? Rainer Sommer von der Provinzial erwartet den größten Zeitverlust bei der Schuld­frage, nicht bei der Reparatur.
Träger und Nachweis: Verkehrs- und Verteidigungsministerium stimmen einen gemeinsamen Bedarfsplan ab und klären die Haftung vorab. Militärische Bedarfe fließen bereits in die Verkehrsplanung ein, Baumaßnahmen lassen sich für den Operationsplan priorisieren. Nach 24 Monaten liegt beides vor.

BOLD MOVE Eine Cloud-Doppelstrategie fahren
Vollständige Abhängigkeit von einem Anbieter ist riskant, vollständiger Verzicht auf verfügbare Leistung ebenso. Christian Marwitz von der BWI beschreibt den Ausweg als Multi-Cloud-Ansatz aus mehreren, gegeneinander absicherbaren Bausteinen: die Variante eines großen Anbieters im eigenen Rechenzentrum und eine selbst entwickelte offene Architektur, die auf kompakter Hardware läuft und bis ins Fahrzeug verlegt werden kann.
Träger und Nachweis: Die BWI betreibt beide, das Verteidigungs­ministerium entscheidet je Anwendung. Nach 24 Monaten ist eine Kritikalitätsmatrix beschlossen und eine verlegefähige Instanz im Feld erprobt.

QUICK WIN Die KRITIS-Betreiber ins Cyber-Lagebild holen
Über die Bedrohungslage wird debattiert, statt sie zu vermessen. Dabei existiert sie längst. Thomas Tschersich von der Deutschen Telekom beziffert sie auf dezentral hundert Prozent und zentral null: Energieversorger, Telekommunikationsbetreiber und Wasserwirt­schaft haben jeder ihr eigenes Lagebild, ein gemeinsames gibt es nicht. Das nationale Cyberabwehrzentrum bestehe, sagt er, nur seien die Betreiber nicht eingeladen — obwohl sie die wesentlichen Teile mitbringen. Ein Format zeigt, wie es ginge: Cyber Nation Germany baut mit dem BSI eine Lage für die 40 größten deutschen Unternehmen auf, mit Treffen viermal im Quartal.
Träger und Nachweis: Das Format wird über die Börsenwerte hinaus auf die Betreiber kritischer Infrastruktur geöffnet, die Betreiber entsenden Verbindungspersonen in das Lagebildgremium. Nach zwölf Monaten speisen drei weitere Sektoren ein.

QUICK WIN Krankenhäuser härten
Zugangskontrollen fehlen, Notstrom ist knapp bemessen, die Informationstechnik ist der verwundbarste Punkt — Jahrzehnte des Investitionsstaus haben Kliniken angreifbar gemacht. Wie weit die Maßstäbe auseinanderliegen, zeigt eine Episode, die Leif Erik Sander von der Charité erzählt: Kollegen eines israelischen Medizinzentrums, eingeladen, das Haus zu begutachten und ein Weißbuch zu erstellen, fragten als Erstes nach dem Flugabwehrsystem — in einer Klinik, die nicht einmal Zugangskontrollen leisten kann.
Träger und Nachweis: Länder und Träger legen ein Härtungs­programm auf, das BSI gibt den Mindeststandard vor. Nach zwölf Monaten ist für jedes Haus der Versorgungsstufe eins ein Härtungs­plan hinterlegt.

QUICK WIN Auf niederschwellige Sabotage reagieren können
Michael Kreinest von den BG Kliniken nennt drei Fälle derselben Größenordnung: eine Spielzeugdrohne, zwei durchtrennte Kabel, ein Brandanschlag. Die Kabel stoppen eine ICE-Strecke über Tage, der Brandanschlag legt einen Stadtteil lahm. Für diese Größenordnung gibt es weder Zuständigkeit noch eingeübte Reaktion, und sie wird zunehmen.
Träger und Nachweis: Die Länder benennen für jede Kategorie eine erstalarmierte Stelle, der Bund stellt die Fähigkeit zur Abwehr un­bemannter Systeme bereit. Nach zwölf Monaten liegt für drei Fall­gruppen eine geübte Reaktionskette vor.

BOLD MOVE Physische Lage und Cyberlage zusammenführen
Wer von isolierten Angriffen ausgeht, übersieht den kombinierten. Ein nationales Vorhaben, beide Lagen systematisch zusammenzuführen, gibt es nicht — nur eine Ausschreibung der NATO. Auch Gegenmaß­nahmen müssen beide Bereiche berücksichtigen.
Träger und Nachweis: Das BSI und das BBK verknüpfen beide Lagen, Betreiber melden über einen Kanal, die Bundeswehr bringt ihre NATO-Erfahrung ein. Nach 24 Monaten läuft eine korrelierte Aus­wertung, erste Fälle sind dokumentiert.

BOLD MOVE Dem Cyber-Krisenstab ein Mandat geben
Bernd König von Google Cloud schlägt den Ausbau statt der Neu­gründung vor: Das nationale Cyberabwehrzentrum im BSI bündelt Fachwissen, nicht Entscheidungsmacht — ein einzelner Vertreter der Bundeswehr kann dort wenig mehr tun als telefonieren. Mit Mandat, Mitteln und Personal könnte das Zentrum ministerielle Zuständig­keiten im Krisenfall überbrücken. Die rechtlichen Ansatzpunkte liegen bei Bundeskriminalamt, Bundespolizei und BSI: Umleitung von Datenverkehr, Unterbrechung von Datenströmen, gestaffelte Eingriffs­schwellen mit Richtervorbehalt. Mit dem Gemeinsamen Zentrum zur Abwehr hybrider Bedrohungen ist seit Juni 2026 ein zweiter Ansatz im Aufbau. Die Mandatsfrage stellt sich dort genauso.
Träger und Nachweis: Das Bundesministerium des Innern legt den Gesetzentwurf vor. Nach 24 Monaten ist das Mandat gesetzlich verankert.

QUICK WIN Die Betankungskette vom Netz bis zum Hof durchdenken
Notstrom hält, solange Diesel nachkommt — und wer zuerst betankt wird, ist nirgends festgelegt. Thomas Tschersich von der Deutschen Telekom stellt die Frage über 50 bis 60 Szenarien hinweg: Kranken­haus, Wasserwerk oder Netz? Für den Digitalfunk gibt es eine Antwort. Thomas Scholle von der BDBOS beschreibt 72 Stunden Härtung und danach ein mit dem Technischen Hilfswerk abgestimmtes Be­tankungskonzept. Kommerzielle Standorte dagegen puffern ein bis zwei Stunden, dann brauchen sie Diesel. Und in der Fläche fehlt dezentrale Ersatzenergie: 93.000 Milchkühe im Landkreis Friesland lassen sich nicht von Hand melken.
Träger und Nachweis: Betreiber melden ihren Bedarf, Land und Technisches Hilfswerk legen die Reihenfolge fest. Nach zwölf Monaten ist sie je Kreis dokumentiert und einmal geübt.

QUICK WIN Den Wiederanlauf beherrschbar machen
Der Wiederanlauf dauert länger als der Ausfall und läuft weitgehend von Hand. Papierne Wiederanlaufzeiten halten der Realität nicht stand — dokumentiert sind 60 Minuten, tatsächlich vergingen 48 Stunden. Zielzustand ist nicht der Ursprungszustand, sondern eine belastbare Übergangslösung: erst das Pflaster, dann der Neubau.
Träger und Nachweis: Die Träger erstellen einen Wiederanlaufplan, das Land verankert ihn als Auflage im Krankenhausplan. Nach zwölf Monaten hat jedes Haus der Maximalversorgung einen dokumentier­ten und einmal geübten Plan.

QUICK WIN Der Wirtschaft sagen, was geplant ist
Unternehmen können sich nicht vorbereiten, solange sie Verlegewege, Sammelplätze und benötigte Gebäude nicht kennen — und ohne diese Kenntnis bekommen sie intern keine Mittel frei. Der Informationsaus­tausch muss in beide Richtungen funktionieren. Die Versicherungs­wirtschaft gehört neben den Banken zu den größten Datenver­arbeitern des Landes. Sie betreibt doppelt abgesicherte Rechenzentren in Deutschland und verfügt über Geodaten sowie Wettermodelle, die sich unter einem Vertraulichkeitsrahmen in ein nationales Lagebild einspeisen ließen.
Träger und Nachweis: Das Operative Führungskommando definiert freigebbare Auszüge aus dem Operationsplan, die Landeskommandos übermitteln sie an Betreiber und Kammern, der Staat benennt zugleich seinen Bedarf an ziviler Kapazität. Nach zwölf Monaten steht ein Informationskatalog und mindestens 100 Unternehmen entlang der West-Ost-Achse sind informiert.
 

Im Verteidigungsfall steht die Bundeswehr für zivile Aufgaben nicht zur Verfügung, und die Hilfsorganisationen übernehmen Aufgaben, für die sie keinen Auftrag haben. Ein Weg ist vorgezeichnet: In einem Kooperationsvertrag mit dem Sanitätskommando ist vorgesehen, dass die Hilfsorganisationen den Rücktransport Verwundeter übernehmen. Geübt wurde er bereits — Kapitel 4 beschreibt die Übung an der zivil-militärischen Schnittstelle.
Träger und Nachweis: Das Sanitätskommando schließt Rahmenver­träge auch mit dem Deutschen Roten Kreuz, die Länder erklären die Freistellung der Ehrenamtlichen. Nach zwölf Monaten ist der Vertrag unterzeichnet und einmal geübt.

BOLD MOVE Eine nicht-militärische CBRN-Einheit des Bundes aufbauen
Fällt die Bundeswehr als ziviler Helfer aus, fehlt für chemische, biologische, radiologische und nukleare Lagen der Träger. Tobias Schönherr von der Bundespolizei verweist auf die Risikoanalyse des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz vom Januar 2026, die genau diese Lücke benennt.
Träger und Nachweis: Technisches Hilfswerk und Bundespolizei bilden gemeinsam eine Einheit, die diese Aufgabe im Verteidigungsfall trägt. Nach 24 Monaten ist sie aufgestellt, ausgestattet und einsatz­bereit.

QUICK WIN Üben, wer im Ernstfall entscheidet
Die Übung muss die Ebene erreichen, die im Ernstfall entscheidet — von der Kommune über die Bezirksregierung bis zum Land, mit den politischen Verantwortlichen am Tisch. Heute ist es umgekehrt. Die länderübergreifende Krisenmanagementübung LÜKEX findet ohne politische Entscheidungsträger statt: Geübt wird die Ebene darunter, entschieden wird oben. Marlis Cremer von den DRK-Kreisverbänden Düren und Jülich nennt LÜKEX die einzige Übung, die wenigstens bis auf die Länderebene hinunterreicht. Was fehlt, ist die verbindliche Verpflichtung zum regelmäßigen Üben — für politische Amtsträger ist sie inzwischen angekündigt.
Träger und Nachweis: Die Innenministerien der Länder verpflichten Krisenstabsleitungen und kommunale Hauptverwaltungsbeamte zu Übung und Fortbildung. Nach zwölf Monaten hat jedes Land eine ebenenübergreifende Übung mit politischer Beteiligung durchgeführt.

QUICK WIN Krisenmanagement in die Verwaltungsausbildung aufnehmen
Krisenmanagement wird verpflichtender Bestandteil der Ausbildung, von der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung bis zur Angestelltenausbildung. Wer heute eine Lage führen soll, hat es nie gelernt. Der Fachkundenachweis für Landräte ist ein Anfang, operati­ve Leitungen und kommunale Stäbe bleiben außen vor. Voraussetzung ist eine Fehlerkultur. Nach dem bundesweiten Warntag wurde die Leitung ausgetauscht, statt die Fehlerquelle zu bearbeiten.
Träger und Nachweis: Die Länder ändern die Ausbildungsordnungen, der Aufwand ist gering. Nach zwölf Monaten ist es in einem Land verankert.

QUICK WIN Nachbarschaft über die Landesgrenze organisieren
Kreise organisieren ihre Zusammenarbeit über die Landesgrenze hinweg, und die Rettungsleitstelle darf Bundeseinheiten direkt rufen, statt über Landrat und Innenministerium zu eskalieren. Dass das trägt, zeigt Volker Lemgen von der Kreisverwaltung Neuwied: Sein Kreis und der Rhein-Sieg-Kreis arbeiten über die Grenze zwischen Rheinland- Pfalz und Nordrhein-Westfalen zusammen, mit ständigem Austausch, gegenseitiger Fortbildung und unkomplizierter Anforderung von Kräften. Brände halten an Landesgrenzen nicht an.
Träger und Nachweis: Die Länder erlauben die direkte Alarmierung. Nach zwölf Monaten bestehen fünf solcher Nachbarschaften.

BOLD MOVE Den Nationalen Sicherheitsrat nach innen öffnen
Der Nationale Sicherheitsrat bekommt die Innenperspektive. Er arbeitet seit dem 1. Januar 2026 und ist außen- und sicherheits­politisch ausgerichtet. Der Bevölkerungsschutz nach innen kommt darin nicht vor, und damit fehlt dem Gremium die Gesamtstaatlichkeit, die sein Name verspricht. Frank Weber vom Zukunftsforum Öffentliche Sicherheit benennt die Lücke. Gemeint ist nicht der Zivilschutz, der erst im Verteidigungsfall greift, sondern das Versagen staatlicher Funktionen — das droht auch bei einem großen Angriff auf die Versorgungsinfrastruktur.
Träger und Nachweis: Das Bundeskanzleramt erweitert Geschäfts­ordnung und Besetzung um die Innenperspektive, die Länder be­nennen eine gemeinsame Vertretung. Nach 24 Monaten steht der Bevölkerungsschutz regelmäßig auf der Tagesordnung.

BOLD MOVE Katastrophendaten bundesweit erheben
Bund und Länder erheben Katastrophendaten nach einem ge­meinsamen Raster. Heute fehlt es daran: Das internationale Sendai- Rahmenwerk verlangt Dutzende Indikatoren — wie viele Menschen in Katastrophen sterben, wie lange es nach einem Ausfall dauert, bis kritische Infrastruktur wieder läuft. Benni Thiebes vom Deutschen Komitee Katastrophenvorsorge kann dazu kaum belastbare Zahlen berichten, weil jedes Land nach eigenen Regeln sammelt. Ohne diese Daten lässt sich weder sagen, ob Vorsorge wirkt, noch wo sie fehlt.
Träger und Nachweis: Bund und Länder einigen sich auf ein ge­meinsames Erhebungsraster, das Bundesamt für Bevölkerungsschutz führt die Daten zusammen. Nach 24 Monaten liegt die erste voll­ständige Erhebung vor.

 

Fünf Kernbefunde

Die Untersuchung identifiziert fünf zentrale Befunde:

Die Verkettungslücke: Deutschland hat kein gemeinsames Bild der Lage.

Der Systemreifegrad: Die Technik ist weiter als das Ökosystem.

Governance First: Es fehlt nicht die Führung, sondern ihr Mandat.

Technologie verändert die Krise: Die Lage ändert sich schneller als die Beschaffung.

Die Bevölkerung als Ressource: Wer die Lage trägt, kommt im Angebot nicht vor.

Keiner dieser Befunde verlangt eine neue Behörde, eine Grundgesetzänderung oder eine Technologie, die es noch nicht gibt. Was sie verlangen, sind Entscheidungen.

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